Finden wir Auswege aus dem
Corona Labyrinth?

Erfahrungen mit der Krise –
Wirtschaft und Menschen in Zeiten von Corona

Mein letzter Artikel ist von Ende August und hier folgt der Achte einer langen Reihe. Ich glaube keiner von uns hätte im März angenommen, dass diese Krise so lange andauern würde. Realistisch betrachtet müssen wir uns in der Event Branche eingestehen, dass es höchstens im nächsten Frühjahr, also nach über einem Jahr, wieder normal weiter gehen wird.

Noch vor ein paar Wochen wurde vor einer zweiten Infektionswelle gewarnt – insbesondere nach den Sommerferien – wenn Hunderttausende von Menschen aus dem Urlaub zurückkehren. Die Politik wollte aber viele Wochen nicht wahrhaben, dass das viel größere Problem hier bei uns direkt vor der Haustür liegt. Das sehen wir gerade täglich an den steigenden Infektionszahlen. 

Viele Menschen verlieren das Vertrauen in die Politik, schrieb ich bereits vor Wochen. Noch immer darf ein Großteil des kulturellen Lebens nicht stattfinden. Stattdessen boomen private Partys und Feiern. Vermehrt werden diese zu Hotspots der Corona Krise. Auch die Gastronomie ist oftmals nicht in der Lage, die vorgegebenen Regeln wirklich einhalten zu können oder zu wollen. Und das politische „Durcheinander“ der letzten Wochen mit blindem Aktionismus und täglich neuen Regeln bringt verloren gegangenes Vertrauen auch nicht zurück. Nach Umfragen sind bisher zwar nur ca. 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung nicht mehr bereit den vorgegebenen Weg der Politik zu gehen – aber das sind schon über 10 Millionen Menschen … die wird die Politik mit Verboten nicht in den Griff bekommen.

Kurioserweise ist die steigende Zahl der Infektionen jetzt aber der Grund dafür, dass zum Teil schon mit einem Hygienekonzept genehmigte Veranstaltungen wieder abgesagt werden. Klar - man will nicht, dass sich durch Veranstaltungen der Virus weiter ausbreitet. Wie so oft in den letzten Monaten wurden aber auch hier falsche Entscheidungen gefällt. Die Regierung fragt seit Monaten immer die gleichen Berater, Virologen und Ärzte, die antworten, was man hören will. Warum wird hier nicht mal umgedacht oder zumindest hinterfragt ob es auch andere Konzepte gibt.

Ich bin kein Mediziner oder Virologe - ich versuche nur meinen gesunden Menschenverstand einzusetzen. Vor Monaten wurde eine Zahl festgelegt - 50 von 100.000 Menschen - das sind 0,05%. Wenn dieser Wert der Infektion erreicht ist, wird ein Gebiet zum Risikogebiet. Diese Zahl 50 hat für uns alle und auch für die Eventbranche große Auswirkungen. Das sich täglich inzwischen weit über 10.000 Menschen anstecken ist erschreckend … aber erst einmal nicht so dramatisch. Viel wichtiger wäre doch die Zahl der wirklich Erkrankten und der Menschen, die stationär behandelt werden müssen. Diese Zahlen werden in den Medien leider viel zu selten genannt. Es geht darum, unser sehr gutes Gesundheitssystem nicht zu überlasten. Wenn wir objektiver über die Zahlen der schwer Erkrankten berichten würden, hätte das großen Einfluss auf die Genehmigungen von organisierten Veranstaltungen. Angst mit hohen Infektionszahlen zu verbreiten ist wenig hilfreich. Angst war noch nie ein guter Ratgeber und hilft auch bei der Bewältigung der Corona Krise nicht weiter. AIDS haben wir auch nicht mit einem Sexverbot in den Griff bekommen, sondern nur mit Aufklärung und nachvollziehbaren und umsetzbaren Regeln.

Herbert Grönemeyer hat es in Berlin klar und deutlich gesagt: Kultur ist systemrelevant - vielleicht nicht ganz so wichtig wie Essen und Trinken, aber viel wichtiger als unsere Politiker glauben. Kultur ist natürlich ein sehr breites Feld. Für den einen ist es das klassische Konzert, das Theater, die Bücherlesung, für den anderen ist es das Rockkonzert, das Fußballspiel oder der Sport allgemein und für viele ist es eben auch der Karneval, das Schützenfest oder die Weihnachtsmärkte. Vieles davon ist zur Zeit nach wie vor untersagt oder nur sehr eingeschränkt möglich. Karneval und die Weihnachtsmärkte werden gerade diskutiert bzw. viele sind auch schon wieder abgesagt.

Aber die Politik sollte doch aus den letzten Monaten gelernt haben und wir sehen ja gerade auch das Ergebnis – wenn viel verboten wird, verlagert sich das in den privaten Bereich und die Infektionszahlen steigen. Der Mensch ist ein Herdentier und vielen fehlt der Kontakt zu anderen Menschen. Viele leiden schon jetzt unter psychischen Problemen – insbesondere Kinder und Jugendliche. Deshalb sind viele auch bereit das Risiko einer Infektion einzugehen und treffen sich eben auf Feiern und Partys im privaten Raum. Mit Sicherheit der falsche Weg … aber nachvollziehbar. Mit Verboten und neuen Begrenzungen wird man aber wenig erreichen können, weil diese im Privaten nicht überprüfbar sind. Die Politik will ja – zu Recht – unser Zuhause nicht weiter überwachen. Auch das frühere Schließen der Gastronomie in den letzten Tagen wird da nicht viel helfen, weil die Menschen dann eben nach 23:00 Uhr privat weiter unkontrolliert zusammen sitzen.

Ich bin davon überzeugt, wenn z.B. der Karneval einfach nur abgesagt wird ohne Alternativen zu bieten, werden die Menschen eben ziemlich unkontrolliert privat feiern und das hilft am Ende nicht weiter. Absagen ist immer einfacher als zu sagen: Wir brauchen endlich wieder Menschen, die den Mut haben, Verantwortung zu übernehmen – in der Politik, bei den Kommunen und in der Wirtschaft. Endlich Veranstaltungen mit guten Hygienekonzepten zu genehmigen ist zwingend notwendig auf dem Weg in eine neue Normalität.

Nochmals der eindringliche Appell an die Politik: die Eventbranche braucht nach sieben Monaten des Lockdowns ­dringend finanzielle Hilfen zum Überleben! Fast genauso wichtig: Übernehmt endlich Verantwortung, lasst professionell organisierte Veranstaltungen wieder zu und ermuntert die Menschen diese auch zu besuchen.   

Auch eine ganze Reihe an neuen Techniken werden von der Politik nicht oder erst viel zu spät wahrgenommen. Digitale Zählsysteme, Luftreinigung mit UV-C Strahlung, automatische Fiebermessung und vieles mehr. Warum lassen sich unsere Politiker nicht mal kompetent beraten ob es Möglichkeiten gibt die Luft in z.B. Klassenzimmern zu reinigen? Man schlägt dann lieber vor die Schüler sollen sich dicke Kleidung anziehen und die Klassenräume sollen auch im Winter mit offenen Fenstern genutzt werden. Unabhängig von der Energieverschwendung – was ist das für ein Lösungsansatz?  

Der Lockdown im März kam quasi von heute auf morgen. Die Wiederbelebung unserer Branche wird Zeit brauchen und keiner kann uns dafür ein Datum geben. Genau darin liegt auch ein weiteres großes Problem – die Perspektivlosigkeit für uns alle – wann wird es wie weitergehen ?   

Es gibt aber noch ein weiteres nicht sichtbares Problem, was uns in den nächsten Monaten große Probleme bereiten wird. Ich habe das mal vor Monaten die Corona-Lethargie genannt. Selbst wenn die eine oder andere Veranstaltung stattfindet, bleiben die Besucherzahlen weit hinter den Erwartungen der Messen und Veranstalter zurück. Da werden Hallen, für die in normalen Zeiten für 800 bis 1000 Leute zugelassen sind, mit einem Hygienekonzept für 300 Leute freigegeben und dann kommen keine 100 Zuschauer. 

Es ist klar das Messen, Veranstalter oder auch unsere Wirtschaft bei so geringer Zuschauerbeteiligung dann erst einmal sagen: wir warten mal ab und machen nichts mehr – kostet nur Geld – das hilft uns allen auch nicht weiter.

Viele sagten mir in Gesprächen: Die Menschen haben einfach Angst! Das kann nicht der alleinige Grund sein. Hunderttausende fahren oder fliegen in den Urlaub, treffen sich in Restaurants und Kneipen, gehen in überfüllte Innenstädte und treffen sich zu tausenden auf privaten Feiern und in Clubs - wo ist da die Angst? Ja das mögen nicht alle die Gleichen sein, aber ganz wichtig ist deshalb jetzt: sprecht mit Bekannten und Freunden, wenn ihr die Möglichkeit habt sprecht mit Politikern, Menschen aus der Kultur und Wirtschaft. Versucht zu kommunizieren das viel mehr möglich ist als sie meinen mit klaren Regeln und motiviert die Menschen wenn etwas angeboten wird dort auch hinzugehen.

Gerade die nächsten Monate werden besonders schwierig werden, weil sich das Leben der Menschen von draußen nach drinnen verlagert und dort die Ansteckungsgefahr erheblich größer ist als im Freien.

Jede geplante und professionell durchgeführte Veranstaltung wird nach meiner Überzeugung deutlich sicherer sein als eine private Feier ohne Regeln: Egal ob Messe, Konzert, Sport- oder Industrieveranstaltung – es wäre für viele Menschen eine deutlich sicherere und damit bessere Alternative.

Mit freundlichem Gruß
Dirk Schmidt-Enzmann
Geschäftsführer


Übersicht der vorangegangenen Corona-Artikel als PDF


>>    Besonnen bleiben   |   Statement vom 06.03. in unseren News


>>    Lösungsansätze   |   Statement vom 09.03. in unseren News


>>    Krise und kein Ende   |   Statement vom 19.03. in unseren News


>>    Wenig Licht am Ende des Tunnels   |   Statement vom 25.04. in unseren News


>>    Noch nicht über den Berg   |   Statement vom 26.05. in unseren News


>>    Über die Zeit, die wir nicht haben   |   Statement vom 23.07. in unseren News


>>    Eine Zukunft ohne Ziel und Hoffnung   |   Statement vom 25.08. in unseren News


>>    Finden wir Auswege aus dem Corona Labyrinth   |   Aktuelles Statement vom 25.10.

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