Neun Monate Pandemie:
Was haben wir gelernt?

Erfahrungen mit der Krise –
Wirtschaft und Menschen in Zeiten von Corona

Wir stellen fest: Fast nichts.

Alle Veranstaltungen mit Besuchern, Messen, Kinos, Fitness Studios, Restaurants, Bars, Hotels … haben seit Anfang November wieder im „Lockdown Light“ geschlossen. Angeblich sind diese ja mit für die steigenden Infektionszahlen im Oktober verantwortlich gewesen. Damit keine unnötige Unruhe in der Bevölkerung bzw. den leidtragenden Firmen aufkommen sollte, versprach man dann die groß angekündigten Novemberhilfen. Auf diese versprochenen Hilfen wartet die Eventbranche und viele andere überwiegend immer noch. Sehr viele werden auf Grund diverser Ausschlusskriterien (wie auch schon bei Überbrückungshilfen I und II) nichts bekommen. Inzwischen haben wir eine starke Wettbewerbsverzerrung: Einige Firmen bekommen Hilfen und andere nicht. Wir, die Eventbranche, mussten lernen, dass die Versprechungen und Zusagen der Politik aus Berlin absolut nichts wert sind. Sie scheinen nur dem Zweck zu dienen, sich Luft zu verschaffen und die Menschen in einer Art „Schwebezustand der Hoffnung“ zu belassen. 

Hast Du eine Lobby (wie die Automobilbranche oder die Lufthansa) sind Milliarden Hilfen und Unterstützungen schnell und unkompliziert zu bekommen. Hast Du keine Lobby – und keine Beziehungen nach Berlin – bekommt Du eben nichts. Es nützt auch nichts, deutlich zu machen, dass wir als sechstgrößter Wirtschaftszweig drei- bis fünfmal so viel Umsatz wie etwa die Lufthansa machen. Nach neun Monaten stehen wir dennoch mit leeren Händen da und kämpfen weiter ums Überleben. Die Lufthansa hingegen entlässt trotz Milliardenhilfen aus unseren Steuergelden zehntausende Mitarbeiter! ­Verkehrte Welt und alle schauen zu.

Der „Lockdown Light“ hatte, wie erwartet, keinen wirklichen Effekt. Die Infektionszahlen steigen weiter und die Politik ist hilflos. Nach wie vor bin ich davon überzeugt dass jede professionell organisierte Veranstaltung - egal ob Messe, Firmenveranstaltung oder was auch immer - sicherer ist als der Besuch in einer Innenstadt und 100% sicherer als jede private Feier. Den wahren Grund für den Anstieg der Infektionszahlen kennen wir alle und sind dafür oft selbst verantwortlich. Durch die Schließung aller öffentlichen „Begegnungsstätten“ wurden die Kontakte zwischen den Menschen fast ausschließlich in den nicht zu kontrollierenden privaten Bereich verlagert.    

Aus meiner Sicht hat unsere Regierung in vielen wichtigen Punkten der Pandemie versagt. Im März diesen Jahres gab es noch die Ausrede: Das ist eine für uns neue Situation und wir müssen erst lernen damit umzugehen. OK – das klang logisch, nur was haben Regierung und Wirtschaft aus den vielen vergangenen Monaten im Sommer denn gelernt? 

Die Eventbranche hat schon vor Monaten Hygienekonzepte und auch „Public Space Hygiene“ Produkte vorgestellt: ­Kontaktlose Fiebermessung, digitale Besucher-Erfassungssysteme inkl. Online Tickets, Luftreinigung mit UVC Strahlung und inzwischen auch Schnelltests für Mitarbeiter und Kunden.

Reaktion der Regierung: Nichts, keine! Außer „Lockdown Light“ und dem jetzt bestätigten kompletten Lockdown ab dem 16.12. bietet man keine Alternativen. Das derzeitige Grundproblem ist: Viele Menschen haben das Vertrauen in unsere Politik und die sich fast täglich ändernden Regeln verloren. Die Infektionszahlen der letzten Wochen sprechen eine deutliche Sprache. Das Vertrauen, dass die Politik verspielt hat jetzt wieder zurück zu erlangen, ist ein aussichtsloses Unterfangen. Ob der erneute komplette Lockdown da noch helfen wird ist fraglich, da private Vorgaben bzw. Verbote nicht überprüfbar sind und so oft nicht eingehalten werden.

Es werden heute noch Diskussionen geführt, die wir zum Teil schon im Frühjahr hatten:

  • Schutz der Risikogruppen insbesondere der Pflegeheime und Krankenhäuser. Es ist der blanke Hohn, wenn Herr Spahn im neunten Monat der Pandemie sagt, man würde die Pflegeheime jetzt mit sicheren FFP2-Masken ausstatten. Und erst seit Mitte Dezember können sich Menschen über 60 drei Masken kostenfrei in der Apotheke holen.
  • Stoßlüften in Schulen, das angeblich wissenschaftlich bewiesen sei, ist doch ein Armutszeugnis dafür, dass man im Sommer nicht darüber nach gedacht hat, wie man die Schulen und Kindergärten mit luftreinigenden Geräten sicher über den Winter bringen kann.
  • Schnelltests sind auch keine Erfindung aus dem letzten Monat und man diskutiert immer noch, wer diese durchführen darf. Bis vor wenigen Tagen durften dies nur Mediziner oder Kranken- oder Pflegekräfte nach einer Einweisung durch einen Arzt. Am Donnerstag den 03. Dezember sagte Herr Spahn so nebenbei: Ab morgen sollten bitte alle Lehrer und Erzieher selbst einen Corona Schnelltest durchführen. Auf wichtige Fragen blieb er die Antworten aber schuldig: Wer macht die Einweisung der Lehrer für die Schnelltests - woher bekommen die Lehrer einen Schnelltest - in welchem Abstand soll der Schnelltest wiederholt werden - an wen sollen die Ergebnisse übermittelt werden und darf dann jeder Bürger selbst auch einen Corona Schnelltest durchführen?

Von der Grundidee ein guter Ansatz, aber warum wurde das nicht längst umgesetzt? Warum können Schnelltests nicht auch von eingewiesenen Menschen z.B. Malteser, Johanniter, Rotes Kreuz oder auch Ersthelfern durchgeführt werden?  Wir sollen als Ersthelfer Menschenleben mit einem AED Defibrillator retten aber nicht in der Lage sein einen Schnelltest durchzuführen? Hätten wir im Sommer dafür die Grundlagen gelegt, könnten jetzt Zehntausende von Menschen in Pflegeheimen, Kindergärten, Schulen, Firmen … Schnelltests durchführen. 

Viel zu spät ab Mitte Dezember soll es ohne medizinische Vorbildung nun möglich sein, eine Ausbildung zum Schnelltester zu durchlaufen. Wie oder wo dies passieren soll ist offen. Auch die Pflegeheime und Krankenhäuser wurden erst vor wenigen Wochen mit dem Thema Schnelltest konfrontiert und auch dort gibt es bis heute viele offene Fragen und Probleme. Das alles hätte man vor Monaten klären können und man hätte insbesondere in Pflegeheimen hunderten von Menschen dadurch das Leben retten können. Sorry liebe Politiker – auf diese Fragen hätte ich gerne mal Antworten. Warum habt ihr die Sommermonate nutzlos verstreichen lassen? Eines sollte aber allen zum Thema Schnelltest klar sein: Ein negativer Schnelltest ist kein Freibrief, dafür bestehende und vernünftige Regeln entfallen zu lassen. Es ist eine Momentaufnahme – aber sicherlich ein guter Baustein im Kampf gegen die Pandemie: Infizierte Menschen ohne Symptome finden zu können und damit andere Menschen vor diesen infizierten Menschen zu schützen.

Erfreulich ist, dass immer mehr Firmen die Initiative von sich aus ergreifen und z.B. Schnelltests auf eigene Kosten als Voraussetzung machen um das Betriebsgelände betreten zu dürfen. Die Politik diskutiert hingegen immer noch darüber auf welcher rechtlichen Grundlage das denn möglich sein soll, weil das ja noch nicht in der Corona Schutzverordnung steht.

Wir in der Eventbranche stellen unseren Kunden komplette Hygienekonzepte inkl. entsprechender Produkte für z.B. Streaming oder Hybrid Veranstaltungen zum Schutz unserer Mitarbeiter und Kunden zur Verfügung. Seit Monaten bieten wir der Politik an, sich diese Techniken anzusehen. Der Einsatz wäre genausogut in Krankenhäusern, Pflegeheimen, Schulen, Kindergärten, Geschäften …. möglich. Es gilt aber immer noch die Devise: Absagen oder auch ein Lockdown ist einfacher als zusagen und Verantwortung übernehmen. Verantwortung will zur Zeit in unserem Land keiner mehr für irgendetwas übernehmen – Verantwortung wird noch das Unwort des Jahres 2020 werden. 

Ich möchte diesen Artikel mit den Sätzen der Stabstelle „Rechtsfragen und Rechtsetzung Pandemiebekämpfung“ Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes NRW beenden. Jeder möge sich bitte selbst seine Meinung bilden zu solchen Aussagen bezüglich einer Anfrage zum Thema der derzeit gültigen Corona Schutzverordnung – Verantwortung sieht für mich anders aus:

„Ich weise darauf hin, dass vorstehende Ausführungen als Auslegungshilfe zu dienen bestimmt sind und nicht rechtsverbindlich und damit auch für Behörden und Gerichte nicht bindend sind. Alle Angaben sind zur allgemeinen Information bestimmt und stellen keine geschäftliche, rechtliche oder sonstige Beratungsdienstleistung dar, die eine individuelle Beratung durch einen Sachverständigen oder Rechtsanwalt ersetzen würde. Das Ministerium übernimmt keine Gewähr oder Haftung.“

Ich wünsche allen ruhige Weihnachten und das wir alle gesund ins neue Jahr kommen werden. Hoffentlich wird das Jahr 2021 besser als das noch laufende … das zweifelsohne in die ­Geschichtsbücher eingehen wird. Aber ich fürchte, es wird nicht viel Positives zu berichten sein.

Mit freundlichem Gruß
Dirk Schmidt-Enzmann
Geschäftsführer


Übersicht der vorangegangenen Corona-Artikel als PDF


>>    Besonnen bleiben   |   Statement vom 06.03. in unseren News


>>    Lösungsansätze   |   Statement vom 09.03. in unseren News


>>    Krise und kein Ende   |   Statement vom 19.03. in unseren News


>>    Wenig Licht am Ende des Tunnels   |   Statement vom 25.04. in unseren News


>>    Noch nicht über den Berg   |   Statement vom 26.05. in unseren News


>>    Über die Zeit, die wir nicht haben   |   Statement vom 23.07. in unseren News


>>    Eine Zukunft ohne Ziel und Hoffnung   |   Statement vom 25.08. in unseren News


>>    Finden wir Auswege aus dem Corona Labyrinth   |   Statement vom 25.10. in unseren News


>>    Was haben wir aus der Pandemie gelernt?   |   Aktuelles Statement vom 15.12.

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